Das Wunder von Wanne-Eickel

DSC Wanne-Eickel gg. TB Beckhausen 27:19 (18:8)

Es gibt Spiele, bei denen schon vor dem Anpfiff eigentlich alles gegen einen spricht. Und dann gibt es Spiele, in denen genau das völlig egal ist. Der 27:19-Heimsieg des DSC Wanne-Eickel gegen den TB Beckhausen gehört eindeutig in die zweite Kategorie. Die Voraussetzungen waren nämlich alles andere als gut: Verletzungen, Urlaub, kaum Training, dazu nur ein Auswechselspieler fürs Feld und einer fürs Tor. Und als wäre das nicht schon genug Unruhe gewesen, hatte Trainer Peter Kasper in der Woche zuvor auch noch seinen Rücktritt erklärt. Kurz gesagt: Beim DSC war in den Tagen vor dem Spiel vieles schwierig, nur nicht entspannt.

Umso erstaunlicher war der Auftritt, den die Mannschaft dann am Sonntagmorgen in der Halle auf die Platte legte. Gegen Beckhausen, immerhin ein Team aus dem oberen Tabellenbereich, präsentierte sich der DSC vom Anpfiff weg hellwach, aggressiv und erstaunlich geschlossen. Vor allem in der Abwehr war sofort eine Intensität zu sehen, die man in dieser Form nach den letzten Wochen nicht unbedingt erwarten durfte. Es gab kaum freie Räume, Würfe wurden immer unter Bedrängnis genommen, und wenn der Gegner doch einmal zum Abschluss kam, war da immer noch Oliver Neumann. Dass Neumann gemeinsam mit Alexander Motoc überhaupt einspringen musste, weil die eigentlichen Torhüter nicht zur Verfügung standen, machte die Geschichte fast noch schöner. Nach langer Pause und Reha direkt wieder so in ein Spiel zu gehen, ist die eine Sache. Dann aber auch noch so eine Sicherheit auszustrahlen, ist nochmal eine andere. Vor allem Neumann erwischte einen richtig starken Tag und gab dem DSC genau den Rückhalt, den man in solchen Spielen braucht.

Dadurch entstand früh das Gefühl, dass Beckhausen es hier mit einer Mannschaft zu tun bekam, die so nicht angekündigt war. Der DSC startete konzentriert, spielte klarer als in den Wochen zuvor und war auch vorne erstaunlich effizient. Über 5:1 und 10:4 setzte sich die Mannschaft Stück für Stück ab, ohne dabei hektisch oder überdreht zu wirken. Vielmehr war es ein Auftritt mit Struktur, Konsequenz und einer für diese personelle Lage bemerkenswerten Klarheit. Gerade das war es, was das Spiel so besonders machte: Beckhausen wirkte zunehmend irritiert, weil der DSC eben nicht der angeschlagene, improvisierende Gegner war, den man vielleicht erwartet hatte. Stattdessen stand da plötzlich eine Mannschaft auf dem Feld, die mindestens zwei Klassen besser wirkte als in manchen Spielen zuvor.

Einen ganz wesentlichen Anteil daran hatte auch Dennis Gawlick, der mit sechs Treffern nicht nur statistisch überzeugte, sondern spielerisch regelrecht über sich hinauswuchs. Immer wieder setzte er sich mit Wucht und Timing durch, suchte mutig die Tiefe und strahlte enorme körperliche Präsenz am Kreis aus. Und dann war da noch diese eine Szene, die in der Halle für ungläubige Gesichter sorgte: ein Treffer hinter dem Rücken, so frech wie technisch stark, bei dem der Gegenspieler anschließend nur noch die Hände vors Gesicht schlug. Es war einer dieser Momente, in denen selbst der Gegner kurz anerkennen musste, dass hier gerade etwas Besonderes passiert war. Gawlicks Auftritt war an diesem Vormittag jedenfalls weit mehr als nur fleißig – er war prägend.

Bis zur Pause hatte sich daraus ein 18:8 entwickelt, und das war nicht einmal unverdient hoch. Der DSC hatte die Partie in dieser ersten Hälfte fast komplett kontrolliert.Für die zweite Hälfte nahm man sich vor, weiter seine Qualitäten auszuspielen und das Spiel möglichst frühzeitig zu entscheiden.

Nach dem Seitenwechsel setzte sich der sehr gute Eindruck fort. Der DSC blieb dran, hielt das Tempo hoch und baute den Vorsprung zwischenzeitlich sogar auf 22:9 aus. Zu diesem Zeitpunkt sprach alles für einen völlig ungefährdeten Heimsieg. Doch dann kam die Phase, in der man merkte, unter welchen Bedingungen diese Mannschaft in dieses Spiel gegangen war. Die Kräfte ließen nach, die Beine wurden schwerer, die Wege ein kleines bisschen länger. Beckhausen nutzte das aus, verkürzte Schritt für Schritt und machte das Ergebnis wieder ansehnlicher. Wirklich gekippt ist die Partie zwar nie, aber es wurde eben doch noch einmal spürbar enger, als es nach dem Verlauf der ersten Halbzeit eigentlich hätte sein müssen.

Dass der DSC in dieser Phase nicht völlig ins Wanken geriet, spricht wiederum für die Mannschaft. Trotz des schwindenden Vorsprungs, trotz der Müdigkeit und trotz der Tatsache, dass personell praktisch nichts mehr nachgeschoben werden konnte, blieb eine gewisse Ruhe erhalten. Vielleicht war nicht mehr jede Aktion sauber, vielleicht war nicht mehr jeder Angriff bis ins Letzte durchgespielt – aber das Team verlor nicht die Nerven. Und wenn es einmal zu unruhig wurde, half entweder ein wichtiger Treffer oder eben wieder ein starker Rückhalt im Tor. Rouven Lindner japste in dieser Phase bereits hörbar nach Luft und schob das mit einem gequälten Grinsen auf „die Pollen“. Fest stand vor allem, dass die Kräfte in der Schlussphase spürbar nachließen und der DSC trotzdem stabil genug blieb, um die Partie sicher ins Ziel zu bringen.

Am Ende stand ein 27:19 auf der Anzeigetafel, und auch wenn Beckhausen das Resultat in der Schlussphase etwas freundlicher gestalten konnte, war dieser Sieg für den DSC hochverdient. Vor allem deshalb, weil er unter Bedingungen zustande kam, bei denen viele Mannschaften eher nach Ausreden gesucht hätten. Der DSC tat das Gegenteil. Er spielte von Beginn an mutig, geschlossen und mit einer Haltung, die man sich in schwierigen Wochen nur wünschen kann. Dass damit zugleich der entscheidende Schritt im Abstiegskampf gelungen ist, macht diesen Vormittag nur noch wertvoller. Der Klassenerhalt ist damit offiziell eingetütet.

Und vielleicht ist das am Ende das eigentlich Bemerkenswerte an diesem Spiel: Es war nicht nur ein Sieg, sondern ein Zeichen. Trotz aller personellen Probleme, trotz der unruhigen Wochen, trotz der dünnen Bank und trotz der schwierigen Gesamtlage hat der DSC gezeigt, dass in dieser Mannschaft noch immer genug Qualität, Wille und Zusammenhalt steckt. Jetzt gilt es, die letzten Spiele dieser Saison ordentlich über die Bühne zu bringen, sich danach neu zu sortieren und dann wieder mit vollem Schwung anzugreifen. Wenn der DSC eines bewiesen hat, dann das: Ganz abschreiben sollte man den DSC-Zug besser nie.

Neumann, Motoc; Gawlick (6), Lüke (6), Hippe (5/3), Bollmann (4/1), Sauerhoff (2), Wendland (2), Lindner (2)